Eine Schraube anzuziehen wirkt wie Routine. Schlüssel ansetzen, drehen, fertig. Technisch ist es aber ein Umwandlungsprozess: Aus einer Drehbewegung wird eine Zugkraft in der Schraube und eine Klemmkraft im Bauteilpaket. Ob diese Kraft am Ende „passt“, hängt weniger vom „festen Gefühl“ ab als von Reibung, Geometrie und Materialzustand. Genau deshalb kann das gleiche Drehmoment in der Praxis sehr unterschiedliche Vorspannkräfte erzeugen.
Vorspannkraft: die eigentliche Zielgröße
Mit dem Anziehen wird die Schraube elastisch gedehnt. Diese Dehnung erzeugt eine Zugkraft in der Schraube. Gleichzeitig werden die verbundenen Teile zusammengedrückt. Diese Klemmkraft wird üblicherweise als Vorspannkraft bezeichnet. Sie ist entscheidend, weil sie die Bauteile so stark zusammenpresst, dass äußere Lasten zunächst über Reibschluss und Flächenpressung abgefangen werden, bevor sich eine Relativbewegung einstellen kann.
Vorspannkraft erfüllt je nach Anwendung mehrere Aufgaben: Sie hält Bauteile spielfrei zusammen, sorgt bei Flanschverbindungen für Dichtheit und reduziert in vielen Fällen die wechselnde Belastung der Schraube. Eine gut ausgelegte Schraubverbindung arbeitet oft so, dass die Schraube im Betrieb möglichst wenig Lastwechsel „sieht“. Das wirkt sich stark auf die Dauerfestigkeit aus.
Problematisch ist: Vorspannkraft ist nicht direkt sichtbar. Man kann sie nicht wie eine Markierung ablesen. Das verleitet zu einem falschen Schluss: Wenn sich etwas „fest“ anfühlt, müsse die Vorspannkraft stimmen. Tatsächlich kann „fest“ sowohl zu wenig als auch zu viel bedeuten.
Warum Drehmoment nur ein indirekter Stellhebel ist
Das Drehmoment ist die Größe, die wir beim Anziehen unmittelbar einstellen können. Physikalisch ist es zunächst nur ein Maß dafür, wie stark wir die Schraube drehen. Die Vorspannkraft entsteht erst dadurch, dass die Schraube beim Weiterdrehen im Gewinde axial wandert und dabei gedehnt wird.
Der Haken ist die Reibung. Beim Anziehen treten zwei große Reibanteile auf:
- Reibung im Gewinde zwischen Flanken von Schraube und Mutter beziehungsweise Innengewinde
- Reibung unter dem Schraubenkopf oder der Mutter auf der Auflagefläche
In der Praxis wird ein sehr großer Anteil des aufgebrachten Drehmoments dafür „verbraucht“, diese Reibung zu überwinden. Nur ein vergleichsweise kleiner Anteil wird in elastische Dehnung der Schraube umgesetzt. Das ist der Kern von „fest ist nicht gleich fest“: Wenn die Reibung schwankt, schwankt bei gleichem Drehmoment die Vorspannkraft.
Eine nützliche Faustordnung zur Einordnung
Ohne in Formeln auszuufern, hilft ein Bild: Ein Großteil der Drehenergie wird zu Wärme an den Kontaktflächen. Je höher die Reibung, desto mehr „verpufft“ im Gewinde und unter dem Kopf. Je niedriger die Reibung, desto mehr Drehmoment wird wirksam als Schraubendehnung. Deshalb kann eine geschmierte Schraube bei gleichem Drehmoment deutlich höhere Vorspannkräfte erreichen als eine trockene, selbst wenn sich am Werkzeug nichts ändert.
In der Ingenieurpraxis wird dieser Zusammenhang oft über einen vereinfachten Faktor beschrieben, der Reibungseinflüsse zusammenfasst (häufig als „K-Faktor“ oder „Nut-Faktor“ bezeichnet). Die wichtige Botschaft: Dieser Faktor ist keine Naturkonstante. Er hängt von Oberflächen, Schmierung, Beschichtung, Sauberkeit, Werkstoffen und auch von der Auflagegeometrie ab.
Reibung: Gewinde und Auflagefläche als Hauptstreuquellen
Reibung ist kein Nebeneffekt, sondern der dominierende Unsicherheitsfaktor bei drehmomentgesteuertem Anziehen. Im Gewinde entsteht Reibung an den Flanken. Unter dem Schraubenkopf entsteht Reibung auf dem Auflagering. Beide Bereiche reagieren empfindlich auf kleine Änderungen.
Oberflächenzustand, Schmierung und Beschichtungen
Ein paar typische Einflussgrößen, die im Alltag oft unterschätzt werden:
- Schmierung: Öl, Paste oder Montagefett senken Reibwerte. Dadurch steigt bei gleichem Drehmoment häufig die Vorspannkraft. Wer also „wie immer“ anzieht, kann plötzlich überziehen, obwohl er nichts „falsch“ macht.
- Beschichtungen: Verzinkung, Phosphatierung oder Gleitbeschichtungen können Reibwerte stabilisieren, aber auch verändern. Selbst der Zustand einer Beschichtung (neu, abgerieben, korrodiert) spielt hinein.
- Sauberkeit: Schmutzpartikel, Oxide oder alte Schmiermittelreste sorgen für ungleichmäßige Reibung. Das erhöht die Streuung, also die Unvorhersagbarkeit der Vorspannkraft.
- Materialpaarungen: Stahl auf Stahl verhält sich anders als Edelstahl auf Aluminium. Einige Paarungen neigen zu Fressen und Kaltverschweißen, was Reibung sprunghaft ansteigen lässt.
Die Konsequenz ist nüchtern: Ein Drehmomentwert ist nur dann eine brauchbare Stellgröße, wenn die Reibbedingungen definiert und wiederholbar sind. Im kontrollierten Montageprozess ist das möglich. In der Werkstatt oder im Haushalt ist es oft Glückssache.
Schraube und Bauteile als „Federpaket“
Ein präziser Blick auf die Mechanik macht klar, warum Vorspannkraft nicht nur von der Schraube abhängt. Schraube und Bauteile wirken wie zwei Federn in Reihe. Die Schraube ist die Zugfeder, das Bauteilpaket ist die Druckfeder. Beim Anziehen wird Energie in elastische Verformung gesteckt.
Wie sich äußere Lasten verteilen, hängt stark von der relativen Steifigkeit ab. Ist das Bauteilpaket sehr steif und die Schraube relativ „weich“ (etwa bei langer Schraube), bleibt der Vorspannkraftverlust unter Zusatzlast oft geringer. Ist die Schraube kurz und steif, kann ein größerer Anteil der Betriebslast als Zusatzlast in der Schraube landen. Diese Sichtweise erklärt, warum Konstruktion und Schraubenlänge in der Auslegung eine Rolle spielen, selbst wenn das Gewinde identisch ist.
Praxis-Kasten im Fließtext: Wenn die Auflagefläche nicht passt
In einer idealen Welt liegt der Schraubenkopf plan und vollflächig auf. In der Praxis gibt es schiefe Bohrungen, leicht geneigte Flächen, Grat, unebene Unterlegflächen oder Bauteile, die konstruktiv nicht exakt parallel sind. Dann trägt der Schraubenkopf nicht über die volle Fläche, sondern zunächst punktuell oder entlang einer Kante.
Das hat mehrere physikalische Folgen. Erstens steigen lokale Flächenpressungen stark an. Zweitens ändern sich die Reibverhältnisse unter dem Kopf, weil die Kontaktgeometrie nicht mehr „sauber“ definiert ist. Drittens kann sich das Bauteil beim Anziehen minimal ausrichten oder verkanten. Das verändert wiederum die Reibung im Gewinde und die wirksame Drehmomentverteilung. Unterm Strich steigt die Streuung der Vorspannkraft, selbst wenn das Drehmoment exakt getroffen wird.
Für solche Situationen werden in der Technik häufig selbstausrichtende Auflager eingesetzt, die Winkelabweichungen ausgleichen und eine definiertere Flächenauflage herstellen. Eine Kugelpfanne kann dabei helfen, die Auflagebedingungen bei schrägen Kontaktflächen zu verbessern, weil sie eine Ausrichtung zulässt und damit ungleichmäßige Kantenpressungen reduziert. Das ersetzt keine saubere Konstruktion und keine korrekten Anziehparameter, verringert aber in vielen Anwendungen einen typischen Störfaktor: schlecht definierte Auflage und daraus folgende Reibungsstreuung.
Setzen, Relaxation und Temperatur: warum Vorspannkraft nicht „eingefroren“ ist
Auch korrekt angezogen bleibt eine Verbindung nicht zwangsläufig bei ihrer anfänglichen Vorspannkraft. Ein zentraler Effekt ist Setzen (auch Einbettung genannt). Oberflächen wirken makroskopisch glatt, bestehen mikroskopisch aber aus Rauheitsspitzen. Unter Flächenpressung werden diese Spitzen plastisch verformt. Bauteile rücken minimal näher zusammen, die Schraube wird entlastet, Vorspannkraft sinkt.
Setzen tritt besonders bei weichen Zwischenlagen auf: Lack, Dichtungen, weiche Unterlegscheiben, Beschichtungen oder bei Bauteilen, die sich unter Druck noch „sortieren“. Ein weiteres Feld ist Relaxation durch Werkstoffverhalten bei Temperatur oder über längere Zeit, etwa wenn Kunststoffe im Verbund sind. Dazu kommen thermische Effekte: Unterschiedliche Werkstoffe dehnen sich verschieden aus. Temperaturwechsel können Vorspannkräfte erhöhen oder senken, ohne dass sich das Gewinde bewegt.
Wichtig ist die Einordnung: Vorspannkraft ist eine Momentaufnahme. Wer die Funktion einer Schraubverbindung verstehen will, muss auch die Zeitachse mitdenken.
Anziehverfahren: wie man Streuung reduziert
In vielen Anwendungen wird weiterhin drehmomentgesteuert angezogen, weil es einfach ist. Das Verfahren hat aber Grenzen, weil Reibung die zentrale Unbekannte bleibt. Deshalb existieren ergänzende oder alternative Methoden, die stärker auf Schraubendehnung zielen.
Drehmoment plus Drehwinkel
Ein verbreitetes Vorgehen ist die Kombination aus einem definierten Voranzugsmoment und einem anschließenden Drehwinkel. Der Gedanke: Wenn die Kontaktflächen „gesetzt“ sind und die Schraube in einem stabilen Bereich arbeitet, korreliert eine zusätzliche Winkelrotation eher mit zusätzlicher Dehnung als das reine Drehmoment. Reibung spielt weiterhin eine Rolle, aber die Streuung kann sinken, wenn der Prozess sauber geführt wird.
Direkte oder indirekte Kraftmessung
Wo es kritisch wird, versucht man Vorspannkraft direkter zu erfassen. Beispiele sind Messmethoden über Schraubenlängung (bei geeigneter Zugänglichkeit), spezielle Anzeigescheiben, die unter Last verformen, oder hydraulische Spannverfahren. Das ist nicht „besser“ in jedem Fall, aber es zeigt: In der professionellen Montage gilt Drehmoment oft als Näherung, nicht als Wahrheit.
Typische Irrtümer: warum „noch eine Vierteldrehung“ riskant sein kann
Ein verbreiteter Reflex lautet: Wenn es sich lösen könnte, ziehe ich lieber extra fest. Physikalisch ist das nur scheinbar sicher. Wird die Schraube zu stark gedehnt, nähert sie sich der Streckgrenze. Dann geht sie von elastischer in plastische Verformung über. Die Vorspannkraft steigt nicht mehr sauber mit, während die Schraube geschädigt wird. Außerdem kann das Innengewinde überlastet werden, was häufig teurer ist als eine neue Schraube.
Ein weiterer Irrtum: Reibung ist immer schlecht. Tatsächlich ist Reibung Teil des Funktionsprinzips. Reibschluss zwischen den Bauteilen verhindert Relativbewegung. Die Herausforderung ist nicht Reibung zu vermeiden, sondern sie im Montageprozess möglichst konstant zu halten, damit das eingestellte Drehmoment eine verlässliche Aussage über die Vorspannkraft zulässt.
Fazit: Eine Schraube „anziehen“ heißt Kräfte managen
Beim Anziehen wird Drehmoment in Schraubendehnung umgesetzt. Doch Reibung im Gewinde und unter dem Kopf verschlingt den größten Teil der eingebrachten Energie. Oberflächenzustand, Schmierung, Beschichtung, Sauberkeit und Auflagegeometrie entscheiden darüber, wie viel Vorspannkraft bei einem bestimmten Drehmoment entsteht. Hinzu kommen Setzen, Temperatur und zeitabhängige Effekte, die Vorspannkraft nach dem Anziehen verändern können.
Wer diese Zusammenhänge kennt, versteht, warum einfache Sprüche wie „fest ist fest“ zu kurz greifen. Schrauben ist angewandte Physik im Alltag. Und gerade weil die Prozesse so alltäglich wirken, lohnt der nüchterne Blick auf das, was wirklich passiert.
Schlagwörter: Schraubverbindung, Vorspannkraft, Reibwert, Drehmoment, Setzverlust, Drehwinkelverfahren, Kontaktflächen
Meta Description: Wie beim Schraubenanzug aus Drehmoment Vorspannkraft wird, warum Reibung dominiert und wie Schmierung, Auflage und Setzen die Klemmkraft verändern.
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